WIR WAREN ROCKER IN DER DDR


30.03.2015 06:006.965

WIR WAREN ROCKER IN DER DDR

Die Rockerszene in Sachsen – sie ist bunt und vielfältig, aber auch verschlossen und voller Rätsel. In unserer neuen Serie wollen wir einen Einblick in eine faszinierende, teilweise auch verstörende Subkultur geben – unverstellt, ungeschönt und jenseits üblicher Klischees. Rockerclubs haben uns ihre Türen geöffnet, Polizisten ihre Akten, ein Philosoph seine Gedankenwelt.

DIE WILDEN JAHRE VON AWO-BUBI

Bubi in den wilden 80ern auf seiner Touren-AWO 425.

Limbach-Oberfrohna – Lange Ledermäntel, selbstgemachte Lederhosen und Eisenbahnermützen – so sahen die Rocker in der DDR aus. MZ und Jawa waren verpönt, sie standen auf reinen Viertakt-Blues. Ihr Bike war die gute alte AWO. 

Bubi (heute 56) aus Limbach erzählt in Anekdoten über das Rocker-Leben hinterm „Eisernen Vorhang“.

„Ich bin Bubi. Den Namen habe ich mir nicht ausgesucht, aber so ist das nun mal. Heute begleitet er mich immer noch durch die Szene. Ich lebte damals in Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz.

Durch meinen Vater wurde mein Interesse zum Motorrad erweckt, da er mich schon als kleiner Junge auf einen SR 2 gesetzt hatte und ich fahren durfte und das ohne zu treten wie beim Fahrrad, geil.

Als junger Kerl mit Führerschein in der Tasche hatte ich schon Erfahrung mit MZ Motorräder aber irgendwas fehlte, der Sound. Den hatten nur die alten Kisten, von denen man ab und zu mal eine auf der Strasse sah: die AWO.

Ein Nachbau der Russen von einer BMW, billig , stabil, zuverlässig – aber auch nicht zeitgemäß.

So ein Teil war schnell billig erstanden und fahrbar gemacht. 1978 lernte ich Uli kennen, der schon etwas mehr Erfahrung mit der AWO hatte.

Das war der Anfang einer bis heute beständigen Freundschaft und der Grundstein des bis heute bestehenden Motorradclubs mit dem Namen CHARON 1982 Germany.

So sahen Rocker in der DDR aus. Bubi (u.li.) bei einer Präsidenten-Rallye im brandenburgischen Brieselang.

In kurzer Zeit und durch rege Kontakte wuchs unsere Truppe auf mehrere Gleichgesinnte an.

Die ersten Treffen wurden im Sonnenbad Rußdorf abgehalten und es war erstaunlich, was alles aus einer AWO entstand. So gab es die Originalgetreuen, die Sporttourer und die ersten Chopper.

Für uns mussten die AWO’s jedoch schon etwas wild aussehen. In dieser Zeit lernten wir auch Golem und Mario kennen, die heute noch als Charon fahren.

Der Sinn stand uns nach einem Club und so wurde am 1.Mai 1982 der AWO Motor Club Limbach -AMCL- gegründet. Dies geschah unter dem Deckmantel des damaligen Motorsportclub des VEB Bremshydraulik im Sportverband des ADMV.

So konnte man existieren, ohne gleich mit der Staatswacht Probleme zu bekommen.

Im Sommer 1982 fand dann das erste große AWO-Treffen in Gera statt. Das war der Hammer, denn ca. 350 Biker waren anwesend.

So eine Masse von Gleichgesinnten, und wir mittendrin! Wir begriffen, dass wir auf den richtigen Weg waren, was unsere Interessen betraf.

Aus dieser Zeit bildeten sich Freundschaften zu anderen auch schon bestehenden AWO-Clubs wie nach Jessen/Elster , Erfurt, Gera, Dresden, Rostock, Berlin usw.

Die Clubstrukturen wurden gefestigt nach MC-Vorbild, Posten wurden vergeben und besetzt, wie es sich halt in einem MC gehörte. Nun war auch unser Auftreten auch immer wilder und die AWO’s ebenfalls.

Ein Teil der Mitglieder, die von Anfang an dabei waren, trennten sich daher von uns, was uns natürlich auch Recht war, da wir nun auch keine Rücksicht auf etwaige Weicheier nehmen mussten.

Auch die DDR-Werbeindustrie war an Rockern interessiert. Hier posiert Bubi mit Model Peggy für Esda Strümpfe.

Die AWO-Treffen wurden nun jedes Jahr in einer anderen Stadt durchgeführt. Auch wir wollten es in Limbach mal versuchen, was zufolge hatte, das gleich mehrere Member Besuch von der Polizei hatten.

Es wurde uns sofort Haft angedroht wegen Zusammenrottung und der Gleichen, so das die ganze Sache im Keim erstickt wurde.

Wir haben dann die Sache heimlich in Cämerswalde bei Dresden durchgezogen und das noch zum 1.Maifeiertag – ja, war ’ne geile Sache.

Das Wintertreffen auf der Augustusburg diente uns immer als erstes Treffen im Jahr. Man konnte da Sachen abklären und Freundschaften pflegen.

Nach dem Wintertreffen auf der Burg ging es nach Limbach-Oberfrohna in die Parkschänke. Wer damals dabei war, hat bestimmt noch tolle Erinnerungen an geile Weiber, volle Gläser und jede Menge Spaß bei guter Live Musik.

Danach ging die Hälfte der Biker meist zu Uli und die andere Hälfe mit zu mir. Ich hatte mal 28 Biker mit in meiner Bude und nur noch eine Kiste Bier und eine Pulle Hochprozentigen, damals wurde alles geteilt…

Wie die Frauen das damals alles so ausgehalten haben?

Einmal hatte uns so ein Typ angequatscht, er wollte einen Kalender mit uns machen. War wohl ernst gemeint, nach einigen Treffen mit dem Fotografen willigten wir ein und es konnte los gehen.

Auf die Fotos hatten wir uns schon gefreut, doch daraus wurde nichts. Die Führung sprach sich dagegen aus. Statt dessen wurden wir zu einem Foto-Termin geladen mit ein paar Models und es ging um Werbung für Esda Strümpfe.

Das ganze fand in Leipzig statt. Uli, Peter, Janky und Ich fuhren mit zwei Bikes hin und machten uns einen schönen Tag mit den Models.

Wir bekamen eine ordentliche Gage und eine Freistellung vom Betrieb und natürlich später auch die Plakate. Es hat Spass gemacht, denn das Hotel wurde auch bezahlt.

Die AWO’s wurden immer besser, da viele Biker im Club sich meist auf etwas spezialisiert hatten und jeder konnte etwas anderes besorgen.

Das ging los mit Ersatzteilen, Adressen für Spezialsachen, Getriebe, Motoren und was man so brauchte für eine AWO, die ein erstes Leben schon hinter sich hatte.

1982: AWO-Treffen in Gera.

Bei Uli im Hause hatten wir unseren Clubraum und so fand ein reges Clubleben statt.

Wir waren auch mit die ersten die die üblichen Kuttentaufen zelebrierten, also wenn du Vollmember wirst, dann wird deine Kutte einem Ritual unterworfen.

Es wurde eine Kuhle ausgeworfen mit Schlamm, Dreck, diversen Getränken, Flüssigkeiten. Dann die Kutte rein und mit den Bikes drüber gefahren. Was für ein Gaudi, danach wurde die Kutte nicht mehr gereinigt, allein der Regen auf dem Bock wusch den Dreck wieder ab, jetzt warst du erst vollwertig.

Die AWO’s wurden immer fahrstabiler und so gingen unsere Ritte auch über die Landesgrenzen hinaus, legendär die Ritte nach Rostock.

Einmal fuhr der Pannenteufel mit uns mit und wir hatten unzählige Pannen, so dass wir mitten auf der Autobahn übernachten mussten und wir es erst am morgen schafften weiter zu fahren.

Wir brauchten damals 24 Stunden nach Rostock (550 km) aber unser Motto hieß schon damals: gemeinsam losfahren, gemeinsam ankommen.

Das war Abenteuer pur, unsere Reisen gingen nun auch nach Tschechien. Pfingsten war die Zeit in der man sich mit Westbikern treffen konnte, Tschechien war also das Land der ersten Deutsch-Deutschen Beziehung.

Nun wir staunten nicht schlecht was es alles so auf dem Motorradmarkt im Westen gab und umgekehrt staunten die nicht schlecht, was bei uns alles auf der Strasse fuhr.

Dadurch wurden wiederum Freundschaften geknüpft, die oft heute noch Bestand haben. Die Stasi hatte mal kurzer Hand einen ganzen Ort unter Kontrolle gebracht mit Absprache der Tschechischen Behörde und alles abgesperrt.

Bubi (l.) mit Kumpel auf den Reise-AWOs. Man beachte die langen Gabeln Marke Eigenbau.

Keiner durfte rein oder auf den Zeltplatz, so dass wir uns nach einer neuen Bleibe umschauen mussten. Das gelang uns auf einem kleinen Sportplatz und wir lotsten alle so gut es ging dahin.

Schnell Zelte aufgebaut und die Party ging los, nur schlecht, dass sich am Abend die Bullen mit Hundestaffeln dazugesellten.

Die AWO erlebte ihren Boom und die Clubs schossen wie Pilze aus dem Boden. Man schaute sich schon nach größeren Projekten um und es wurde nun nach größeren Maschinen Ausschau gehalten.

Uli hatte schon eine alte BMW aufgerissen. Der nächste war Mario mit einer 750 BMW R71 und dann hatte ich das große Glück, ne alte Mollo M72 aufzureisen.

Verdammt es war nur Schrott, aber alles was wir mit den AWO’s gelernt hatten, konnten wir auch bei den großen Maschinen anwenden.

Also ab einen Winter in den Keller und im Frühjahr rollten die Öfen aus den Werkstätten, was für ein Gefühl mit 750 ccm durch die Stadt zu reiten, man kann das Glücksgefühl gar nicht beschreiben.

Ausfahrt in die Tschechoslowakei.

Alle Sorgen, Wut und Verzweiflung die einem bei so einem Aufbauprojekt begleitet hatten waren wie weggeblasen, man war der King… es funktionierte.

Die Clubs hatten sich nun gefestigt und das war dem alten DDR Staat ein Dorn im Auge. Es folgte eine große Präsidentenversammlung in Brieselangen bei Berlin.

Die Vertreter von Stasi und der Vorstand des ADMV boten uns an, ein jährliches AWO-Treffen in Schleiz abzuhalten. Dafür sollten aber Nennungen und Registrierung durchgeführt werden. Als es zu Abstimmung kam, stellten sich einige Clubs dagegen, einschließlich unserem.

Der Staatsvorstand kollabierte, es wurde laut und man drohte uns, wir würden nicht mal mehr vor die Tür mit unseren Maschinen kommen, wenn wir nicht akzeptierten.

Wir taten es nicht und boykottierten auch seit dem das so genannte Schleizer AWO-Treffen. Wir fühlten uns stark und ließen uns nicht brechen.

Der Club war gestärkt und wir hatten so zehn bis zwölf Member am Start.

Toller Zusammenhalt: Uli, Bubi, Mario und Werner (v.l.n.r.) bei einem Ausflug, erstmals mit aufgemotzter alter BMW.

Was ich am Clubleben von früher am meisten geschätzt habe, waren unsere Werte, die wir uns selbst auferlegt hatten, die da waren Ehre, Treue, Freundschaft – man konnte sich einfach auf jeden verlassen und bekam von jedem Hilfe, wenn man sie brauchte. Das ging über den Club hinaus.

Mario und Golem sind heute noch im CHARON 1982 Germany. Uli ist seit vielen Jahren schwer krank und kann nicht mehr wie er möchte, jedoch leuchten seine Augen und die Stimme wird etwas lauter, wenn wir über alte Zeiten reden.

Ich fahre seit einigen Jahren mit meinen beiden Söhnen im STORMBRINGER MC NOMADS CHAPTER. Ein alter AWO Club halt – seit der Wende fahren alle Harley-Davidson.

Heute noch versuche ich, unsere alten Werte weiter zu geben. Ich hoffe nicht umsonst…“

Reichsbahnermütze, Jeans-Westen und den Mittelfinger ausgestreckt: Sachsen-Rocker auf der Augustusburg bei Chemnitz. Bubi ganz rechts.

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