Das militärische Atom-Dilemma der USA


nukleare Weltmacht USA

Die US-amerikanische Atommacht steht für die Großartigkeit, für die Herrlichkeit, für die Unschlagbarkeit der USA als Führungsmacht der Welt: unangreifbar, unverletzlich, herausragend und unvergleichbar. Schön wärs. Die Fakten sagen etwas ganz anderes. Die USA befinden sich in einem unlösbaren Dilemma: ihre nukleare Militärmacht ist bereits zerbröselt und befindet sich im sukzessiven Auflösungsprozess, wenn der Präsident nicht sofort gravierende Maßnahmen zur Gesundung der Nuklearstreitkräfte durchführt.

Von Henry Paul

Pech auf der ganzen Linie. Jetzt, da es an allen Ecken und Enden der Welt terroristisch brennt und die USA unter der immer noch aktivierten Sequestration (ca. 10-25 Prozent Haushaltsreduzierung aufgrund der Zwangsverwaltung) leidet, kommen die bedrohlichen Nachrichten aus dem Pentagon und den verschiedenen Streitkräften gar nicht gut beim Präsidenten an. Während die Marine und die Luftwaffe sowie das Heer seit Jahren gut im Futter standen und nun die mindestens zehnprozentige Budgetkürzung relativ erträglich kompensieren können, kann das die Nuklearstreitkraft nicht.

Die nuklearen Streitkräfte sind nicht nur mit den anderen Waffengattungen querschnittstechnisch verbunden, sondern haben auch ihre eigenen Militärsektionen, die von ihnen unterhalten, gepflegt und vor allem, erneuert werden müssen. Die nuklearen Marinestreikräfte können sich eben nicht bei der Marine mal eben ein paar Dollars ausleihen oder Schiffe besorgen. Da müssen sie schon ihre eigenen Atomträger-Schiffe in Ordnung halten und verbessern. Dasselbe gilt auch für die Luftwaffe und die Raketeneinheiten. Die meisten der nuklearen Systeme sind mindestens 20 Jahre, manche davon fast doppelt so alt und so lang im Dienst. Nicht nur, dass die Waffentechnik in den letzten 20 Jahren vorangeschritten ist, macht sich da bemerkbar. Es ist viel schlimmer als den meisten Kriegstreibern in den USA bewusst ist: Russland hat die letzten Jahre seines Aufschwungs zielgerichtet genutzt, seine Nuklearmacht systematisch zu modernisieren und zu pflegen.

Die ICBM Raketen (inter-continental-ballistic-missiles) sind betagt und schlafen den Schlaf des bisherigen Friedens in ihren Silos, wer weiß, ob die überhaupt noch funktionieren. Schön für den Weltfrieden wäre das Dysfunktionieren allemal. Für die US-Streitkräfte eine Horrorvision. Die Systempflege und der zielgerichtete Ausbau der B61 nuclear gravity bombs (freifallende nukleare Fliegerbomben) kann nicht als Ersatz angesehen werden, weil die vielleicht noch 1000 Bomben in den Lagern auch veraltet sein sollen (ca. 500 davon in Europa/ BRD!). Wenn also auch das nukleare Waffensortiment mit 10 Prozent Reduktion per anno auskommen muss, sieht es schon düster aus, wie Frank Kendall (Einkäufer Pentagon) bemerkte. Die Raketen in den Silos sollten aus Kostengründen nicht ersetzt, sondern nur verbessert und up-to-date gehalten werden, was die verantwortlichen Militärs gar nicht gut finden. Und, was im Raum stehen soll, ist die generelle Frage nach der Zweckdienlichkeit dieser ICBMs, wenn man die anstehenden Kosten und das schwindende Budget korrelieren lässt.

Ein bemerkenswerter Trick der Militärs könnte möglicherweise Abhilfe schaffen, aber in Wirklichkeit hat linke Tasche versus rechte Tasche noch nie geholfen. Denn die Militärs wollen ihre „shortage“ dadurch auffangen, indem sie einfach neue Belastungskontennummern im Budget verankern und so mehr Geld bekommen – das letztlich anderen Waffengattungen dann weggenommen werden würde. Und sie wissen, dass dies keine Lösung sein kann, denn sie sind mit ihren sowieso großen Budgetsummen und der notwendigen Querschnittsaufgabe den anderen Waffengattungen nicht immer willkommen. Wenn zum Beispiel die Marine dramatische Einschnitte bei ihrem U-Boot wie der ‚Seawolf‘ oder dem Zerstörer ‚Zumwalt‘ hinnehmen muss, würden sie es gar nicht gerne sehen, weitere Einschnitte wegen der nuklearen Schiffe und Raketen-Carrier hinnehmen zu müssen. Die nukleare Luftwaffe kann anstelle 132 Stück ‚B-2 Bomber‘ derzeit nur noch 20 in der Luft halten! Und von den 24 Plan-Stück ‚Ohio-Nuklear-U-Booten‘ sind nur 14 gefechtsbereit! Da hält mancher Militär nur noch die Luft an. Die Aussicht, dass der Kongress weitere Budgetkürzungen vornehmen wird, ist denkbar.

Mit jeder Kürzung die kommen wird, wird die gesamte Infrastruktur der Nuklearstreitkräfte als Ganzes in Frage gestellt. Russland wird das schon lange wissen und die USA sind gefangen in ihrer eigenen Strategie: weltweit immer mehr Militärbasen verschlingen immer mehr Geld „for nothing but mighty games“, immer mehr Terroraktionen für „nothing but swinging regions“ höhlen das Militärbudget zusätzlich zur Sequestration immer weiter aus – clever big-shots, oder? Trotz immer stärker auftrumpfenden und kriegslüsternen Republikanern ist der Ausweg verbaut: Sequestration ist ein finales Argument.

Der Kongress kann auch nicht einfach irgendwoher Geld bereitstellen für die dahinsiechende Nuklearmacht USA, denn dann müsste man öffentlich machen, wie weit das Militär in den vergangenen 20 Jahren seine Verpflichtung zu einer erhaltenden Aufgabe vernachlässigt hat. Freiwillig tut sich das niemand an. Das Dilemma ist aktiv und hausgemacht.

Die mögliche Auseinandersetzung und Option, mit den NATO-Bündnispartnern ins Gespräch zu kommen, damit die ein wenig von den Lasten tragen würden, ist illusorisch. Weder ist das Geld bei den Allianzpartnern vorhanden, noch die Bereitschaft, Nuklearwaffen der USA auffrischen zu helfen, damit im Fall des Falles diese Waffen gegen die eigenen Regionen eingesetzt werden würden. So dumm ist selbst der dümmste Europäer nicht.

viaDas militärische Atom-Dilemma der USA | Contra Magazin.

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