Chinas Wandel: Sturmwarnung für die deutsche Industrie


Markus Gärtner

Die dominierenden Mainstream-Nachrichten über China zeichnen das Bild eines wankenden Riesen: Die Wirtschaft dümpelt, die Reformen stottern, die Löhne sind so in die Höhe geschnellt, dass Produktion in die verbliebenen asiatischen Billigländer abwandert: nach Vietnam, Pakistan, Kambodscha und Indonesien.

Doch dann gibt es noch die anderen Nachrichten. Sie gehen beinahe unter, zeigen aber ein ganz anderes China. Es ist das China, das die nächste Runde der Globalisierung prägen und dominieren wird.

Die Vorboten dieser Wachablösung sind gut sichtbar. Beispiel eins: Die Deutsche Bahn will schon bald Züge und Ersatzteile von chinesischen Herstellern kaufen. Wie schnell sich die Welt geändert hat. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts haben die Chinesen von Siemens und Alstom gelernt, wie man moderne und schnelle Züge baut. Jetzt machen sie sich daran, die Lehrmeister herauszufordern und zu verdrängen.

Im Reich der Mitte fusionieren derzeit die beiden größten staatlichen Eisenbahn-Produzenten. Sie schaffen eine Kapazität, mit der sich in Zukunft die Hälfte des Weltmarkts für Züge beliefern lässt.

Die Deutsche Bahn will bereits ab 2017 einen Teil der jährlich benötigten 35 000 Radsätze in China bestellen. Ein Einkaufsbüro in Chinas Hauptstadt ist in Vorbereitung.

Die Bahn ist kein Einzelfall: Daimler intensiviert seine Kooperation mit der chinesischen Internet-Suchmaschine Baidu. Diese bietet schon jetzt vieles, was die vernetzten Autos der Zukunft dringend brauchen werden, darunter Suchfunktionen und Karten.

Auch die Volkswagen-Tochter Audi hat kürzlich eine Zusammenarbeit mit Baidu begonnen, weil sie vieles auf diese Art von Technologie aus Fernost bekommt. Chinas Internet-Aufsteiger haben ein digitales Wunderland aus eng gebündelten Such-, Kauf-, Beratungs- und Bezahlfunktionen geschaffen. Diese werden die Einspritzer in den Autos der Zukunft sein.

In GOogle, Apple, weiß man darüber mehr als das landläufig Bekannte: China ist nicht nur die zweitgrößte Wirtschaft und hat Deutschland als größte Exportnation abgelöst. Jetzt schiebt das Land seine Industrie mächtig an, um das Getriebe der Lokomotive umzustellen: Weg von massiven Investitionen in noch mehr Überkapazitäten für den Export, heißt das Motto. Dafür werden eigene Entwicklungen und Patente gepuscht.

Aus dem Fließband der Welt soll eine neue Innovationsmacht werden, die in der globalen Wirtschaft mit eigenen Designs Marktanteile gewinnt, Standards setzt und die US-Konkurrenz von Google bis Apple in die Schranken verweist.

Deutsche Firmen wissen das genau, weil sie vor Ort in China längst nicht mehr nur produzieren, sondern auch maßgeschneiderte Produkte für den lokalen Markt entwickeln. Sie wissen, dass die lernbegierigen Chinesen nicht nur malochen, sondern auch bestens tüfteln können. Und dass sie inzwischen gelernt haben, wie man selbst entwickelt. Chinesische Universitäten stürmen auf den Weltranglisten nach vorne. Und mit ihnen die Patentanmeldungen, die als Sprungbrett für die Produkte der Zukunft dienen.

Chinas Führung hat 2006 beschlossen, bis 2020 eine »innovativ führende Wirtschaft« zu werden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts sollen die USA als Tech-Primus abgelöst sein. Von diesem Fernziel ist China noch einige Jahre entfernt, aber längst nicht so weit, wie es der eigene Fahrplan vorsieht.

Der Grundstein für die baldige Wachablösung wurde schon erfolgreich gelegt. Die Pipeline für den künftigen Erfolg ist gut gefüllt. Die Volksrepublik hat im ersten Quartal des Jahres mehr junge Tech-Firmen an die Börse gebracht als Europa und die USA. Bei den Forschungsausgaben pro Kopf der Bevölkerung hat das Reich der Mitte bereits vor zwei Jahren die Europäische Union überholt.

Der Wandel von der Fabrik der Welt zum Innovationsmotor ist atemberaubend. Die Bahntechnik ist vielleicht der beste, aber nur einer von vielen Beweisen: 2004 bestellte China bei Alstom und BombardierHochgeschwindigkeitszüge. Versehen waren die Bestellungen mit der Auflage, einen Teil der westlichen Technologie preiszugeben. Fünf Jahre später – 2009 – lieferte China die ersten Züge nach Australien und Singapur aus.

Ein weiteres Beispiel zur Wucht dieser Wandlung: Zwischen dem Kauf der PC-Sparte von IBM durch Lenovo und dem Aufstieg des chinesischen Computer-Giganten zur Nummer eins in der Welt verging ebenfalls nur ein halbes Jahrzehnt.

Lediglich fünf Jahre brauchte auch Chinas neuer Smartphone-Superstar von der Gründung bis zu einem Marktwert von 45 Milliarden Dollar, verbunden mit dem Aufstieg zum drittgrößten Hersteller der Welt. Samsung und Apple sind bereits in der Rolle der Getriebenen, auch wenn Apple noch jedes Quartal Jubelmeldungen verbreiten kann.

Samsung ist das Lachen bereits vergangen. Mit der neuen chinesischen Konkurrenz im Nacken ist der operative Gewinn des Konzerns im ersten Quartal um ein Viertel eingebrochen. Jetzt sollen mehr Billiggeräte die Chinesen so gut es geht auf Distanz halten. Das wird die Gewinne schmälern, die Forschungsausgaben drosseln und eine Abwärtsspirale einleiten.

Die deutschen Maschinenbauer spüren den eisigen Gegenwind wachsender chinesischer Konkurrenz schon seit Jahren. Im mittleren Technologiesegment nehmen die Mitstreiter aus Fernost den hiesigen Herstellern Marktanteile ab. Die neuen Konkurrenten drängen im Leistungsspektrum nach oben. Verbandspräsident Reinhold Festge veranlasste das im Februar 2014 zu einer deutlichen Warnung:

»Die deutschen Unternehmen dürfen sich nicht an die Spitze der Technologiepyramide abdrängen lassen, dort ist der Markt zu klein.«

Deutschlands Position als Hoffnungsmarkt erneuerbarer Energien wird von den Chinesen ebenfalls angegriffen. Und bei der jüngsten Autoshow in Shanghai präsentierten die Chinesen serienweise neue Modelle für das Luxus-Segment, wo deutsche Hersteller dominieren.

Auch hier verfügen die neuen chinesischen Konkurrenten über mächtige Treiber. Sie haben mit dem riesigen Heimatmarkt und der rasant wachsenden Mittelschicht zu tun. China ist nicht nur der größte Automarkt der Welt. Es ist auch der am härtesten umkämpfte: Es gibt dort zwei Mal so viele Marken wie in den USA und drei Mal so viele Modelle.

Die Botschaft für Deutschland ist klar: Auf Spitzentechnik kann man sich immer weniger ausruhen. Das Motto von Audi − »Vorsprung durch Technik« − ist auf dem Weg ins Industriemuseum.

Unser Land wiegt sich in falscher Sicherheit. Dabei helfen die Mainstream-Medien, die die BRICS-Länder wegen ihrer aktuellen Wirtschaftsflaute überwiegend schon abgeschrieben haben. Das wird sich als schwerer Fehler erweisen.

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Bildnachweis: manfeiyang / Shutterstock

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viaChinas Wandel: Sturmwarnung für die deutsche Industrie – Kopp Online.

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