Fidel Castro – „Das letzte Relikt des Kalten Krieges“ | amerika21


Mit der Darstellung Kubas als anachronistisches System soll der „real existierende“ Kapitalismus als alternativlos dargestellt werden
Bei DW blicken greise Althippies mit Brille und ohne Gebiss schmachtend auf ein Bildnis von Fidel Castro und Ernesto Che Guevara

Bei DW blicken greise Althippies mit Brille und ohne Gebiss schmachtend auf ein Bildnis von Fidel Castro und Ernesto Che Guevara

Der Student der Kommunikationswissenschaft, Kerem Schamberger, untersuchte im Rahmen seiner Bachelorarbeit am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IfKW) der Ludwig-Maximilians-Universität München die Berichterstattung der Tageszeitungen „Die Welt“ (DW), „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) und „Junge Welt“ (JW) über Kuba. Mithilfe der Diskurstheorie des französischen Soziologen Michel Foucault und eines daran angelehnten Kategoriensystems analysierte er das Kuba-Bild in den deutschen Medien.

Eine foucaultsche Diskursanalyse geht davon aus, dass die diskursiven Praktiken von Tageszeitungen überhaupt erst „systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ 1. Sie bringen „Objekte des Wissens“ 2 hervor. Da sich vermutlich nur ein geringer Teil der deutschen Bevölkerung tiefgehend mit Kuba beschäftigt oder sogar selbst auf der Insel war (jährlich sind cirka 100.000 Deutsche auf Kuba), sind diese Diskurse so wirkmächtig 3.

Kuba, das ist für die SZ und DW ein anachronistisches System, das keinerlei Existenzberechtigung mehr hat (Anachronismusdiskurs) und von einem diktatorischen Herrscher namens Fidel Castro angeführt wird, der für alle Probleme des Landes persönlich verantwortlich ist, obwohl seit einigen Jahren Raúl Castro an der Spitze des Staates steht (Personifizierungsdiskurs). In der JW hingegen wird Kuba als gesellschaftlich fortschrittliches System beschrieben (Fortschrittsdiskurs). Der Fortschrittsdiskurs findet in diesem Artikel keine weitere Erwähnung. Eine Liste aller analysierten Zeitungsartikel findet sich im Anhang.

Anachronismus-Diskurs

„Sind 50 Jahre kubanische Revolution nicht genug?“ („Die Welt“)

„Der kubanische Patient“ („Süddeutsche Zeitung“)

„Mit Fidel als grimmigem Museumswärter“ („Süddeutsche Zeitung“)

Kuba wird in der Berichterstattung der SZ und DW durch die Brille des Anachronismusdiskurses konstruiert. Damit ist gemeint, dass Kuba als „letztes Relikt des Kalten Krieges“ 4 in einer vermeintlich modernen Welt des Kapitalismus gesehen wird. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, beginnend im Jahr 1989, stellt Kuba das letzte Überbleibsel dieses Gesellschaftssystems von gestern dar. Dabei spiegelt sich dieser Diskurs in jedem Thema und Unterthema wider, sei es der 50. Jahrestag der Revolution, die Krankheit Fidel Castros beginnend im August 2006 oder auch die herbeigesehnte „Marktöffnung Kubas nach der Ära Castro“ 5. Es herrscht Unverständnis, warum auf der Karibikinsel noch immer nicht die Marktwirtschaft eingeführt wurde 6.

„Heute weiß jeder, dass Kuba eine Gerontokratie ist“ 7, postuliert „Welt“-Chefredakteur Thomas Schmid in seinem Leitartikel zum 50. Jahrestag der Kubanischen Revolution. Und mit Gerontokratie meint er nicht nur das Alter der dortigen Führungsschicht, sondern das kubanische System als Ganzes. Peter Burghardt schreibt in seinem Porträt über Fidel Castro, das er mit „Der kubanische Patient“ betitelt: „Der alte Mann mit dem langen schütteren Bart … sprach wie gewohnt zu seinen Untertanen“ 8. Rhetorische Bezüge auf monarchistische Begriffe wie „Untertanen“, Castro I & II 9, „Castro-Klan“ 10 oder einer „dynastischen Thronfolge“ 11, in der Raúl Castro die Republik „geerbt“ 12hat, sind dabei Teil der sprachlichen Rhetorik des Anachronismusdiskurses.

Eine der seltenen Statistiken über Kuba wird von Hildegard Stausberg in DW verwendet. In ihrem Castro-Porträt mit dem passenden Titel „Castros langer Abschied“ zitiert sie Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) zur Anzahl kubanischer Häftlinge 13. Die IGFM wurde 1987 von der UNO als „Handlanger des rassistischen Regimes Südafrika“ 14 verurteilt und gilt als antikommunistische Organisation, die auch schon mal Contra-Kämpfer in Nicaragua oder die Diktatur Pinochets in Chile unterstützte.

Der Anachronismusdiskurs drückt sich besonders auch in den grafischen Belegen, also in Karikaturen und Bildern der Tageszeitungen aus. Da werden in DW greise Althippies mit Brille und ohne Gebiss schmachtend auf ein Bildnis von Fidel Castro und Ernesto Che Guevara blickend gezeigt. Auch in der SZ lassen sich grafische Belege für den Diskurs finden. So zeigt eine Karikatur ein durchlöchtertes „Cuba“-Schiff in der Karibik und der Unterschrift: „Kurs halten in Havanna“.

Eine SZ-Karikatur zeigt ein durchlöchtertes „Cuba“-Schiff in der Karibik und der Unterschrift: „Kurs halten in Havanna“

Personifizierungs-Diskurs

„Statt Konsumwünsche zu erfüllen, ließ Fidel sein Volk am Rand des Existenzminimums vegetieren“ („Die Welt“)

„Der Wohltäter würgt sein Volk“ („Süddeutsche Zeitung“)

Als Personifizierungsdiskurs werden in der Bachelorarbeit die Gesamtheit der Aussagen bezeichnet, die Kuba und die Revolution mit Fidel Castro als Person gleichsetzen. Dies lässt sich in allen drei untersuchten Tageszeitungen nachweisen. Dieser Diskurs existiert dabei jenseits der Frage, welche Rolle Castro in der Revolution tatsächlich gespielt hat, die laut Michael Zeuske, Professor für lateinamerikanische Geschichte in Köln, sehr zentral war 15.

Auch hier sind die Themen und Unterthemen unterschiedlich, egal, ob es um das Leben Fidel Castros ging, um die Beziehung Kubas zu Venezuela oder um die unbedienten Schulden Kubas bei seinen internationalen Gläubigern: Immer geht es um Fidel Castro persönlich und zum Beispiel nicht um die kubanische Regierung.

In einem Feuilleton-Artikel der SZ, der von beleidigenden Aussagen über Fidels Bruder Raúl nur so strotzt (darin wird er unter anderem als „Hangover-Opfer“ und „rattenhaft“ beschrieben) schreibt der gebürtige Argentinier Carlos Widmann: „Auch wenn er unsichtbar bleibt, ist Fidel Castros physische Präsenz für das ihn überlebende Regime unentbehrlich“ 16.

Eine fast schon absurde Ausprägung des Diskurses erhält die Aussage Burghardts, dass Castro „sich in besseren Zeiten der Planwirtschaft für die Herstellung von Speiseeis, Pizza und Spaghetti einsetzte, weil ihm die italienische Küche schmeckt 17 und es deshalb auf Kuba italienisches Essen gebe. Auch Widmann schreibt: „Sollte ‚letztendlich‘ einmal Staatstrauer für Fidel verkündet werden, mag es zu Szenen kommen wie 1953 in Russland. Als DDR Tod gemeldet wurde, weinten sogar Gefangene im Gulag.“ 18. Castro also als der karibische Stalin.

Auffallend ist, dass es sehr viele rhetorische Begriffe mit religiösem Anklang gibt, die Fidel Castro negativ belegt als (religiösen) Übervater zeichnen: Die Darstellung Fidel Castros als gottähnlichen Propheten und Patriarchen, der den Fall des Kapitalismus vorhersehen könne 19. Es dient der Lächerlichmachung Kubas und Fidel Castros, wenn zum Beispiel Montaner schreibt: „Doch Fidel sollte es nicht vergönnt sein, zum Gott zu werden“ 20.

Grafische Belege des Diskurses finden sich viele. Wird ein Kuba-Artikel in DW, SZ oder JW bebildert, so handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Bild von Fidel Castro. So waren von 14 untersuchten Artikeln der SZ neun insgesamt mit Fotos bebildert, und auf jedem prangte Fidel, mal in jung, mal nachdenklich in alt und auch mal mit seinem Bruder Raúl. Auch eine Karikatur in der SZ mit der Unterschrift „Verqualmt“ stellt Fidel Castro als Rauch einer kubanischen Zigarre dar, dessen Silhouette sich langsam auflöst. Das personifizierte Kuba schlechthin.

Fazit

Mit der Darstellung Kubas als anachronistisches, überholtes System, das an den vergangenen Sozialismus der DDR und der Sowjetunion erinnert und spätestens mit dem Zusammenbruch dieser Länder keine Existenzberechtigung mehr habe, wird die vermeintliche gesellschaftliche Alternativlosigkeit, die in der Aussage des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ kulminiert, von SZ und DW zementiert 21. Ganz im Sinne der Herrschenden wird der „real existierende“ Kapitalismus mit der Betonung der Alternativlosigkeit gefestigt, an dem zu rütteln sich nicht lohnt. Als abschreckendes Beispiel dient hierfür Kuba, aber auch andere Länder, die einen anderen Entwicklungspfad als den von Europa und den USA vorgegebenen, beschritten haben.

Die Personifizierung Kubas mit Fidel Castro ermöglicht darüber hinaus die Dämonisierung der Insel: Alle vermeintlich schlechten Eigenschaften Fidel Castros werden auf ganz Kuba übertragen. Alle Entwicklungen auf Kuba werden einer Person zugeschrieben. Der „Ein Mensch ist der Staat“-Ersatz ist ein leichter aufzubauendes Feindbild, als in der Berichterstattung auf die Komplexität von Gesellschaften eingehen zu müssen. Die Personifizierung der Revolution und Kubas durch Fidel Castro in den Medien hilft dabei, ihn als undemokratischen Diktator darzustellen, der „seine“ Bevölkerung unterdrückt. Mit Personen lassen sich Themen stärker emotional, das heißt unsachlich, konotieren und vereinfachen. Diese Personifizierungsstrategie sollte übrigens auch immer dort Thema sein, wo Kriegspropaganda untersucht wird. Ohne die Personifizierung des Irak als Saddam Hussein oder Libyens als Muammar Gaddafi oder Serbiens als Slobodan Milosevic wäre ein Angriff auf Land und Leute nicht so leicht möglich gewesen 22.

Karikatur in der SZ mit der Unterschrift „Verqualmt“: Castro als Rauch einer kubanischen Zigarre, dessen Silhouette sich langsam auflöst

Die vollständige Bachelorarbeit findet sich auf der Website des Instituts für Medienverantwortung.

Literaturverzeichnis

Fausten, R. & Fausten, U. (2007). Helden der freien Welt. Dissidenten in Kuba. Köln: PapyRossa.

Foucault, M. (1981). Archäologie des Wissens.Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Fukuyama, F. (1992). The End of History and the last Man. New York: Free Press.

Karkuschke, M. (2013). Touristen auf Kuba 2012. Online am 02.05.14 abgerufen hier 

Schiffer, S. (2002). Humanistan all over the world – der Kriegsvorbereitungsdiskurs und die Moral. Online am 03.04.14 abgerufen hier

Sarasin, P. (2005). Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius.

Zeuske, M. (2007). Kleine Geschichte Kubas. München: Beck.

  • 1.Foucault, 1981, S. 74
  • 2.Sarasin, 2005, S. 98
  • 3.Karkuschke, 2013
  • 4.Burghardt, 2006, S. 3
  • 5.Zschäpitz, 2006, S. 21
  • 6.Loose, 1999, S. 3
  • 7.(Schmid, 2008, S. 6
  • 8.Burghardt, 2006, S. 3
  • 9.Burghardt, 2009, S. 8
  • 10.Widmann, 2006, S. 6
  • 11.Buch, 2007, S. 7
  • 12.Widmann, 2008, S. 12
  • 13.Stausberg, 2006, S. 3
  • 14.Fausten&Fausten, 2007, S. 111
  • 15.2007, S. 191
  • 16.Widmann, 2008, S. 12
  • 17.Burghardt, 2006, S. 3
  • 18.Widmann, 2008, S. 12
  • 19.Karnofsky, 1999, S. 8; Loose, 1999, S. 3; Burghardt, 2006, S. 4; Widmann, 2006, S. 4
  • 20.Monatner, 2006, S. 9
  • 21.Fukuyama, 1992
  • 22.Schiffer, 2002

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