Der russische Volkscharakter – Seit Jahrhunderten verblüffend und unverstanden aus Sicht des Westens


Zimnik

Zimnik, der uralte slawische Gott: ein gedrungener alter Mann, langes Haar mit der Farbe von Schnee, trägt einen weißen Mantel, immer barfuß. Trägt einen eisernen Stab, der mit einem einzigen Schwung alles sofort festfrieren lässt. Kann Schneestürme, Eisstürme und Blizzards heraufbeschwören. Geht um und nimmt sich was immer er möchte, insbesondere unartige Kinder.

Jüngste Ereignisse wie der Sturz der Regierung in der Ukraine, die Abspaltung der Krim und ihre Entscheidung, sich der Russischen Föderation anzuschließen, die darauf folgende Militärkampagne gegen Zivilisten in der Ostukraine, westliche Sanktionen gegen Russland und der erst kürzliche Angriff auf den Rubel lösten einen spezifischen Phasenübergang innerhalb der russischen Gesellschaft aus, der, wie ich glaube, im Westen äußerst unzureichend verstanden wird – wenn er überhaupt verstanden wird. Dieser Mangel an Verständnis benachteiligt Europa beträchtlich dabei, eine Beendigung dieser Krise aushandeln zu können.

Während die Russen vor diesen Ereignissen recht zufrieden damit waren, sich selbst als „nur ein weiteres europäisches Land“ zu betrachten, haben sie sich nun darauf besonnen, dass sie eine eigene Zivilisation mit anderen kulturellen Wurzeln sind (vielmehr byzantinisch als römisch) – eine Ziviliation, die Gegenstand gezielter westlicher Anstrengungen gewesen ist, sie ein- oder zweimal pro Jahrhundert zu zerstören, sei es durch Schweden, Polen, Frankreich, Deutschland oder irgendeine Kombination davon. Das hat den russischen Charakter in einer spezifischen Form geprägt, die möglicherweise zu einem Desaster für Europa und die Welt führen kann, wenn sie nicht adäquat verstanden wird.

Denken Sie nicht, dass Byzanz nur irgendeinen minimalen kulturellen Einfluss auf Russland darstellt. In der Tat ist er ziemlich entscheidend. Byzantinische Kultureinflüsse, die mit dem orthodoxen Christentum einhergingen – erst über die Krim (dem Geburtsort des Christentums in Russland), dann über die russische Hauptstadt Kiew (dasselbe Kiew, das heute die Hauptstadt der Ukraine ist) – gestatteten es Russland, etwa ein Jahrtausend an kultureller Entwicklung zu überspringen. Solche Einflüsse schließen die undurchsichtige und behäbige bürokratische Natur der russischen Staatsführung mit ein, die die Westler, welche Transparenz lieben (wenn auch nur bei anderen), neben anderen Dingen so entnervend finden. Russen pflegen Moskau manchmal gern das „Dritte Rom“ zu nennen – an dritter Stelle nach Rom selbst und Konstantinopel – und das ist keine völlig leere Behauptung. Aber das bedeutet nicht, dass die russische Kultur sekundär ist. Ja, sie hat es geschafft, das gesamte klassische Erbe, durch eine ausgeprägt östliche Linse gesehen, zu absorbieren. Ihre ausgedehnte nördliche Lebenswelt hat dieses Erbe jedoch in etwas grundlegend Anderes transformiert.

Da dieses Thema von überwältigender Komplexität ist, beschränke ich mich auf lediglich vier Faktoren, die ich als essentiell für das Verständnis jener Transformation erachte, die wir gegenwärtig miterleben.

1. Gekränktsein

Westliche Völker haben sich in einer Umgebung von begrenzten Ressourcen und einem gnadenlosen Bevölkerungsdruck entwickelt, und dies hat in hohem Maße die Art und Weise bestimmt, in der sie reagieren, wenn sie beleidigt werden. Während die Zentralgewalt für ziemlich lange Zeit geschwächt war, wurden Streitigkeiten durch blutige Auseinandersetzungen beigelegt, und selbst eine geringfügige Brüskierung konnte frühere Freunde zu unmittelbaren Widersachern machen und ihre Schwerter gegeneinander ziehen lassen. Denn es handelte sich um ein Milieu, in welchem Selbstbehauptung der Schlüssel zum Überleben war.

Im Gegensatz dazu entwickelte sich Russland als Nation in einer Umwelt mit beinahe endlosen, wenngleich zumeist ziemlich verstreuten, Ressourcen. Es zehrte außerdem von der Großzügigkeit der Handelssroute, die von den Wikingern zu den Griechen führte, und derart belebt war, dass arabische Geographen glaubten, es gäbe eine Salzmeer – Straße, welche das Schwarze Meer mit der Baltischen See verbinde. Diese Route bestand aus Flüssen mit einer beträchtlichen Menge an Transportbeförderung. In dieser Umwelt war es entscheidend, Konflikte zu vermeiden, und Menschen, die bei einem einzigen falschen Wort ihr Schwert zogen, kamen damit wohl kaum weiter.

Somit ist eine ganz andere Strategie der Konfliktlösung entstanden, die bis zum heutigen Tage überlebt hat. Wenn Sie einen Russen beleidigen, ihn ungerecht behandeln oder ihm anderweitig Schaden zufügen, wird es vermutlich kaum zu einem Kampf kommen (es sei denn es handelt sich um eine demonstrative Schlägerei, die in einer öffentlichen Umgebung abgehalten wird, oder um die arrangierte Begleichung einer Rechnung durch Gewalt). Stattdessen wird der Russe Ihnen höchstwahrscheinlich einfach sagen, dass Sie sich zur Hölle scheren mögen und sich daraufhin weigern, weiterhin irgendetwas mit Ihnen zu tun zu haben. Wenn physische Nähe dies erschwert, wird der Russe darüber nachdenken sich abzusetzen und in jede Richtung zu ziehen, die weit von Ihnen entfernt ist. Diese Redewendung ist in der Praxis so geläufig, dass sie zu einem einsilbigen Ausspruch verkürzt worden ist: „Пшёл!“ („Pshol!“), auf dass sich einfach im Sinne von „послать“ (wörtlich, „zu senden“) bezogen werden kann. In einer Umgebung, in der es eine fast unendliche Menge an freiem Land zum Niederlassen gibt, macht solch eine Strategie vollkommen Sinn. Russen leben wie sesshafte Menschen, doch wenn sie wegziehen müssen, dann ziehen sie wie Nomaden, deren Hauptmethode zur Konfliktlösung im freiwilligen Umsiedeln besteht.

Diese Reaktion auf Missstand als etwas Dauerhaftes ist ein wesentliches Merkmal der russischen Kultur, und Westler, die das nicht verstehen, werden im Umgang mit ihnen wahrscheinlich kein Ergebnis nach ihrem Geschmack erreichen, oder es gar begreifen. Für einen Westler kann eine Kränkung behoben werden, indem man so etwas sagt wie „Es tut mir leid!“. Für einen Russen ist das kaum mehr als bloßer Lärm, vor allem wenn er von jemandem ausgestoßen wird, dem bereits gesagt wurde, er solle zur Hölle fahren. Eine mündliche Entschuldigung, die nicht durch etwas Greifbares untermauert wird, gehört zu jenen Regeln der Höflichkeit, welche für die Russen so etwas wie Luxus sind. Bis vor einigen Jahrzehnten lautete die russische Standardentschuldigung „извиняюсь“ („izviniáius'“), was wörtlich mit „Ich entschuldige mich“ übersetzt werden kann. Mittlerweile ist Russland ein sehr viel höflicheres Land, doch das grundlegende kulturelle Muster bleibt bestehen.

Obgleich rein verbale Entschuldigungen wertlos sind, sind Entschädigungen das nicht. Das Richtigstellen von Dingen kann die Trennung von einem wertvollen Besitzgegenstand umfassen, oder das Ablegen eines bedeutungsvollen Versprechens, oder die Ankündigung einer entscheidenden Richtungsänderung. Der springende Punkt ist, dass sie allesamt die Ergreifung ausschlaggebender Handlungen erfordern, und nicht bloß Worte. Denn ab einem gewissen Punkt können Worte die Situation nur verschlimmern, was vom Zustand des „Fahren Sie zur Hölle!“ zu dem sogar noch unschöneren „Lassen Sie mich Ihnen den Weg zeigen!“ führen kann.

2. Umgang mit Eindringlingen

Russland hat eine lange Geschichte von Einmärschen aus allen Richtungen, insbesondere jedoch aus dem Westen, und die russische Kultur hat eine bestimmte Mentalität entwickelt, die für Außenstehende schwer zu erfassen ist. Zuallererst ist es wichtig zu erkennen, dass die Russen, wenn sie eine Invasion abwehren (und die politische Führung der Ukraine durch die CIA und das Außenministerium der USA mit der Hilfe ukrainischer Nazis erfüllt den Tatbestand einer Invasion) nicht um Gebiet kämpfen, zumindest nicht direkt. Vielmehr kämpfen sie für Russland als Konzept. Und das Konzept besagt, dass Russland viele Male überfallen worden ist, jedoch niemals erfolgreich. Nach russischer Geisteshaltung bedeutet eine erfolgreiche Invasion Russlands, dass nahezu jeder Russe getötet wird, und, wie sie gerne sagen: „Sie können uns nicht alle töten.“ („Нас всех не убьёшь.“). Die Bevölkerung kann mit der Zeit wieder erstarken (gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war sie auf 22 Millionen gesunken), doch wäre das Konzept einmal verloren, dann wäre es das für immer. Es mag sich für einen Westler sinnlos anhören, wenn Russen ihr Land „ein Land der Prinzen, Poeten und Heiligen“ nennen, doch genau das ist es – ein Staat des Geistes. Russland hat keine Geschichte – es ist seine eigene Geschichte.

Da die Russen eher für die Idee Russlands kämpfen als für irgendein Stück an russischem Gebiet, sind sie immer recht gewillt, sich zurückzuziehen – anfangs. Als Napoleon mit dem festen Plan in Russland einmarschierte, sich seinen Weg durch das Land zu plündern, fand er die gesamte Landschaft von den zurückweichenden Russen abgefackelt vor. Als er letztendlich Moskau besetzte, ging es ebenfalls in Flammen auf. Napoleon lagerte eine Weile außerhalb, doch irgendwann, als er erkannte, dass es nichts weiter zu tun gab (Sibirien angreifen?) und dass seine Armee hungern und aufgrund ihrer offenen Positionierung sterben würde, wenn sie bliebe, trat er einen übereilten und beschämenden Rückzug an, bei dem er seine Männer schließlich ihrem Schicksal überließ. Als sie zurückwichen, trat eine weitere Facette des russischen kulturellen Erbes hervor: jeder Bauer aus jedem Dorf, das abgefackelt worden war, als die Russen sich zurückgezogen hatten, befand sich in vorderster Reihe als die Russen vorrückten, wobei sie auf eine Chance brannten, einem französischen Soldaten aufs Geratewohl einen Schuss zu verpassen.

In ähnlicher Weise konnte der deutsche Einmarsch während des Zweiten Weltkrieges anfangs große Fortschritte erzielen. Es wurde viel Gebiet eingenommen während die Russen sich ebenso geschwind zurückzogen und ihre Einwohner evakuierten, wobei sie ganze Fabriken und andere Einrichtungen nach Sibirien verlagerten und ihre Familien in das Landesinnere umsiedelten. Dann stoppte der deutsche Vormarsch, kehrte um und wurde letztlich zu einer Niederlage. Das übliche Muster wiederholte sich, indem die russische Armee den Willen des Angreifers brach während die meisten der Ortsansässigen, die sich unter der Besatzung befanden, die Kooperation verweigerten, sich als Partisanen organisierten und dem zurückweichenden Eindringling den größtmöglichen Schaden zufügten.

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Murmansk, 68°58′45″, 300.000 Einwohner. Am 12. Januar geht die Sonne das erste Mal nach 40 Tagen auf, wobei der Tag nur 38 Minuten lang ist.

Eine weitere russische Anpassung im Umgang mit Eindringlingen besteht darin, sich darauf zu verlassen, dass das russische Klima den Job schon erledigen wird. Eine übliche Methode, ein russisches Dorfhaus von Ungeziefer zu befreien besteht darin, es einfach nicht zu heizen; einige Tage bei 40 Grad minus oder darunter, und die Kakerlaken, Wanzen, Läuse, Nissen, Rüsselkäfer, Mäuse und Ratten sind alle tot. Das funktioniert auch mit Angreifern. Russland ist das nördlichste Land der Welt. Kanada liegt im Hohen Norden, doch der Großteil seiner Bevölkerung ist an dessen Südgrenze entlang verteilt, und es besitzt keine Großstädte oberhalb des Nordpolarkreises, während Russland zwei hat. Das Leben in Russland erinnert in gewisser Weise an das Leben im Weltraum oder auf dem offenen Ozean: unmöglich ohne lebenserhaltende Maßnahmen. Der russische Winter ist ohne die Kooperation der Ortsansässigen einfach nicht zu überstehen, und somit besteht alles, was sie tun müssen, um einen Eindringling auszumerzen, darin, ihre Mithilfe zu verweigern. Und sollten Sie denken, dass ein Angreifer sich die Kooperation sichern kann, indem er ein paar Einheimische erschießt, um dem Rest Angst einzujagen, dann lesen Sie oben nach unter „Gekränktsein“.

3. Umgang mit ausländischen Mächten

Russland verfügt über fast den gesamten nördlichen Anteil des eurasischen Kontinents, der etwa 1/6 der Landfläche der Erde ausmacht. Das ist nach Erdmaßstäben eine Menge Land. Das ist kein Irrtum oder ein Zufall der Geschichte: durch ihre gesamte Geschichte hindurch waren die Russen völlig angetrieben davon, für ihre kollektive Sicherheit zu sorgen, indem sie so viel Hoheitsgebiet wie möglich dazugewannen. Sollten Sie sich fragen, was sie zu einem solchen Bestreben bewegt hat, lesen Sie oben nach unter: „Umgang mit Eindringlingen“.

Falls Sie denken, dass ausländische Mächte wiederholt versucht haben, Russland anzugreifen und zu erobern, um Zutritt zu seinen unermesslichen Rohstoffen zu erhalten, dann liegen Sie falsch: der Zugang stand immer zum Angebot. Die Russen sind nicht unbedingt dafür bekannt, den Verkauf ihrer Bodenschätze zu verweigern – selbst nicht gegenüber ihren potentiellen Gegnern. Nein, was Russlands Feinde wollten, war, sich die russischen Rohstoffe unentgeltlich zunutze machen zu können. Für sie war die Existenz Russlands eine Unannehmlichkeit, die sie durch Gewalt zu eliminieren suchten.

Stattdessen zahlten sie einen höheren Preis für sich selbst, sobald ihr Invasionsversuch gescheitert war. Die Rechnung ist einfach: die Ausländer wollen Russlands Ressourcen; um sie zu verteidigen, benötigt Russland einen starken, zentralisierten Staat mit einem großen, schlagkräftigen Militär; ergo sollen die Ausländer dazu gebracht werden, zu zahlen, um den russischen Staat und sein Militär zu unterstützen. Demzufolge werden die meisten der finanziellen Bedürfnisse des russischen Staates durch die Verzollung von Exporten angegangen, für Öl und Erdgas insbesondere, anstatt durch die Besteuerung der russischen Bevölkerung. Denn schließlich wird die russische Bevölkerung schwer genug belastet, indem sie sich regelmäßig wiederkehrender Invasionen erwehren muss; weshalb sie noch mehr strapazieren? Somit ist der russische Staat ein Zollstaat: er nutzt Zollgebühren und -tarife, um aus den Feinden, die ihn zerstören würden, Kapital zu schlagen und diese Geldmittel zu nutzen, sich selbst zu verteidigen. Je feindseliger sich die Außenwelt gegenüber Russland verhält, desto eher wird sie letzten Endes für Russlands nationale Verteidigung zahlen, da es für russische Rohstoffe keinen Ersatz gibt.

Man merke, dass sich diese Methode gegen ausländische Mächte richtet, nicht gegen im Ausland geborene Menschen. Über die Jahrhunderte hat Russland zahlreiche Einwanderer aufgenommen: aus Deutschland während des 30-jährigen Krieges; aus Frankreich nach der Französischen Revolution. Neuere Einströme kamen aus Vietnam, Korea, China und Zentralasien. Im vergangenen Jahr hat Russland mehr Zuwanderer als jedes andere Land aufgenommen – abgesehen von den Vereinigten Staaten, die mit einem Zulauf aus Ländern an ihrer südlichen Grenze fertig werden müssen, für deren Bevölkerungsverarmung die US-Politik viel getan hat. Überdies fangen die Russen jenen großen Zustrom auf, der fast eine Million Menschen aus der vom Krieg geschundenen Ukraine einschließt. Russland ist in stärkerem Maße eine Nation von Einwanderern als die meisten anderen und hat mehr von einem Schmelztiegel als die Vereinigten Staaten.

4. Danke, doch wir haben unser eigenes

Eine interessantere Eigenschaft russischer Kultur besteht darin, dass Russen sich immer dazu angetrieben gefühlt haben, sich in allen Sparten auszuzeichnen – von Ballett und Eiskunstlaufen über Hockey und Fußball bis zur Raumfahrt und der Herstellung von Mikrochips. Sie werden Champagner für ein Produkt französischer Marke halten, doch las ich zuletzt nach, dass „Советское шампанское“ („Sowjetischer Champagner“) sich um den Jahreswechsel noch immer rege verkaufte, und nicht nur in Russland, sondern auch in russischen Shops in den USA. Denn das französische Zeug mag ja nett sein, wie Sie wissen, aber es schmeckt nicht russisch genug. Sie können sich vorstellen, dass zu fast allem eine russische Version existiert, welche die Russen oft als besser empfinden, und über die sie zuweilen behaupten können, sie überhaupt erst erfunden zu haben (das Radio beispielsweise wurde von Popov anstatt von Marconi erfunden). Es gibt Ausnahmen (tropische Früchte sind ein Beispiel) und sie werden gestattet, sofern sie aus einer „Brudernation“ wie Kuba stammen. Das war das Modell zu Sowjetzeiten, und es scheint nun zu einem gewissen Grad zurückzukehren.

Während der ausgehenden Breschnew/Andropow/Gorbatschow – Periode des „Stillstands“ stagnierten russische Innovationen durchaus, nebst allem anderen, und Russland verlor gegenüber dem Westen in technologischer (jedoch nicht in kultureller) Hinsicht an Boden.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die Russen erpicht auf westliche Importe, und das war ziemlich normal, wenn man bedenkt, dass Russland zu jener Zeit nicht sonderlich viel produzierte. Dann, während der 1990er, kam die Ära der westlichen Kolloborateure [western compradors], die importierte Produkte in Russland abluden, mit dem langfristigen Ziel, die inländische Industrie vollkommen auszulöschen und Russland zu einem reinen Rohstofflieferanten zu machen, an welchem Punkt es schutzlos gegen ein Embargo sein und leicht zum Aufgeben seiner Souveränität gezwungen werden könnte. Dies wäre eine Invasion mit nicht-militärischen Mitteln, gegenüber welcher Russland sich wehrlos fände.

Dieser Prozess ging ziemlich weit, bis er auf mehrere größere Hindernisse traf. Erstens erholten sich die russische Produktion und der Export von Nicht-Kohlenwasserstoffen, wobei sie sich im Laufe eines Jahrzehnts mehrfach verdoppelten. Der plötzliche Anstieg schloss den Export von Getreide, Waffen und hoher Technologie mit ein. Zweitens fand Russland weltweit viele bessere, billigere und freundlichere Handelspartner. Dennoch ist Russlands Handel mit dem Westen, und mit der EU im Besonderen, beileibe nicht unbedeutend. Drittens konnte Russlands Verteidigungsindustrie ihre Standards aufrechterhalten, sowie ihre Unabhängigkeit von Importen. (Das hingegen kann über Verteidigungsunternehmen im Westen kaum gesagt werden, die auf russische Titan-Exporte angewiesen sind.)

Und nun ist für die Kolloborateure das perfekte Unwetter heraufgezogen: der Rubel hat in Reaktion auf niedrigere Ölpreise, dem Verdrängen von Importen und der Hilfe für einheimische Produzenten zum Teil an Wert verloren; Sanktionen haben Russlands Vertrauen in die Verlässlichkeit des Westens als Zulieferer unterminiert; und der Konflikt um die Krim hat Russlands Glauben an seine eigenen Fähigkeiten verstärkt. Die russische Regierung ergreift diese Gelegenheit, sich für Unternehmen stark zu machen, die eine schnelle Einfuhrsubstitution für Importe aus dem Westen bewerkstelligen können. Russlands Zentralbank wurde damit beauftragt, sie zu Zinssätzen zu finanzieren, welche die Einfuhrsubstitution sogar noch attraktiver machen.

Einige Leute haben Vergleiche angestellt zwischen der Zeit, in der wir uns jetzt befinden und dem letzten Mal, als die Ölpreise fielen – bis hinunter auf 10 Dollar pro Barrel – was in gewissem Maße den Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigte. Doch diese Analogie ist verkehrt. Zu jener Zeit lag die Sowjetunion wirtschaftlich darnieder und war abhängig von westlichen Krediten, um Getreideimporte sicherzustellen, ohne die sie nicht in der Lage gewesen wäre, ausreichend Nutzvieh zur Ernährung ihrer Bevölkerung heranzuzüchten. Sie wurde von dem untauglichen und formbaren Gorbatschow angeführt – ein Beschwichtiger, Kapitulierer und ein Weltklasse-Windbeutel, dessen Frau es liebte, in London shoppen zu gehen. Das russische Volk verabscheute ihn und nannte ihn „Mischka den Gemarkten“, dank seinem Geburtsmal. Und nun lebt Russland wieder auf, ist einer der weltgrößten Getreide-Exporteure, und wird von dem kühnen und unerbittlichen Präsident Putin angeführt, der sich einem Beliebtheitsgrad von über 80% erfreut. Wenn die Kommentatoren und Analysten also die UdSSR vor dem Zusammenbruch mit dem Russland von heute vergleichen, stellen sie einfach ihre Unwissenheit zur Schau.

Fazit

Dieser Teil schreibt sich fast wie von selbst. Es handelt sich um ein Rezept für eine Katastrophe, also werde ich es wie ein Rezept aufschreiben.

1. Nehmen Sie eine Nation von Menschen herbei, die auf eine Beleidigung reagieren, indem sie Sie zur Hölle schicken und sich weigern, weiterhin irgendetwas mit Ihnen zu tun zu haben anstatt zu kämpfen. Stellen Sie sicher, dass es sich dabei um eine Nation handelt, deren Rohstoffe ausschlaggebend sind dafür, dass Ihre Lichter eingeschaltet und Ihre Häuser beheizt bleiben, für die Herstellung Ihrer Passier- und Kampfflugzeuge, sowie für zahlreiche andere Dinge. Behalten Sie im Kopf, dass ein Viertel der Glühbirnen in den USA nur dank russischem Nuklearbrennstoff aufleuchtet, wohingegen die Abschaltung russischen Gases für Europa eine Katastrophe ersten Grades wäre.

2. Vermitteln Sie ihnen das Gefühl, dass sie angegriffen werden, indem Sie eine ihnen feindlich gesinnte Regierung in einem Gebiet platzieren, das sie als einen Teil ihres historischen Heimatlandes betrachten. Der einzige wirkliche nicht-russische Teil der Ukraine ist Galizien, der sich vor vielen Jahrhunderten abgelöst hat und den „können Sie mit sich in die Hölle nehmen“, wie die meisten Russen Ihnen sagen werden. Wenn Sie Ihre Neonazis mögen, können Sie Ihre Neonazis behalten. Denken Sie außerdem daran, wie die Russen mit Eindringlingen umgehen: sie frieren sie hinfort.

3. Verhängen Sie wirtschaftliche und finanzielle Sanktionen über Russland. Sehen Sie mit Bestürzung zu, wie Ihre Exporteure Geld zu verlieren beginnen, wenn Russland in einem unmittelbaren Gegenschlag Ihre landwirtschaftlichen Exporte abblockt. Denken Sie daran, dass dies ein Land ist, das sich, dank seines Überstehens einer langen Abfolge von Invasionsversuchen, traditionell auf potentiell feindliche ausländische Staaten verlässt, um seine Verteidigung gegen sie zu finanzieren. Wenn sie daran scheitern, dann wird es sich anderer Wege bedienen, um sie abzuschrecken, wie das „Ausfrieren“ etwa. „Kein Gas für NATO – Mitglieder!“ erscheint wie ein eingängiger Slogan. Hoffen und beten Sie, dass er sich nicht in Moskau durchsetzt.

4. Starten Sie einen Angriff auf ihre Nationalwährung, wodurch der Verlust von einem Teil ihres Wertes gleichsam mit einem niedrigeren Ölpreis herbeigeführt wird. Schauen Sie mit Entsetzen zu, wie überall russische Beamte bis hin zur Zentralbank auflachen, weil der geringere Rubel Staatseinnahmen dazu veranlasst hat, trotz niedrigerer Ölpreise unverändert zu bleiben, und so ein potentielles Budgetdefizit getilgt hat. Schauen Sie mit Entsetzen zu, wie Ihre Exporteure pleite gehen, da ihre Exporte vom russischen Markt verdrängt werden. Behalten Sie im Kopf, dass Russland keine nennenswerten Staatsschulden hat, sich auf ein unbedeutendes Budgetdefizit beläuft, und über reichlich Vorräte an ausländischen Währungen sowie üppige Goldreserven verfügt. Denken Sie auch daran, dass Ihre Banken Hunderte von Milliarden an Dollar an russische Unternehmen verliehen haben (welchen Sie gerade den Zugang zu Ihrem Bankensystem durch das Verhängen von Sanktionen entzogen haben). Hoffen und beten Sie, dass Russland die Schuldenrückzahlungen an westliche Banken nicht einfriert, bis die Sanktionen aufgehoben werden, weil das Ihre Banken in die Luft jagen würde.

5. Sehen Sie mit Bestürzung zu, wie Russland große Handelsverträge zur Auslieferung von Erdgas mit jedem außer Ihnen unterschreibt. Wird noch genug Gas für Sie übrig sein, wenn sie fertig sind? Nun, es scheint, dass dies für die Russen nicht länger von Belang ist, weil Sie sie gekränkt haben und sie – da sie nun einmal sind wie sie sind – Ihnen gesagt haben, zur Hölle zu fahren (vergessen Sie nicht, Galizien mitzunehmen) und nun mit anderen, sympathischeren Ländern handeln werden.

6. Schauen Sie weiterhin mit Entsetzen zu, wie Russland aktiv nach Wegen sucht, die meisten Handelsverbindungen mit Ihnen zu durchtrennen, Zulieferer aus anderen Teilen der Welt zu finden oder die Produktion auf Einfuhrsubstitution umzustellen.

Doch nun kommt eine Überraschung – eine, über die gelinde gesagt zu wenig berichtet wurde. Russland hat der EU gerade einen Handel vorgeschlagen. Falls die EU sich weigert, dem Transatlantischen Freihandelsabkommen mit den USA beizutreten (was ihr, nebenbei gesagt, wirtschaftlich schaden würde), kann es der Zollunion mit Russland beitreten. Warum sich selbst ausfrieren, wenn wir alle stattdessen Washington ausfrieren können? Dies ist die Entschädigung, die Russland für das kränkende Gebaren der EU bezüglich der Ukraine und den Sanktionen akzeptieren würde. Da es von einem Zollstaat kommt, handelt es sich um ein äußerst großzügiges Angebot. Eine Menge floss dabei ein: die Erkenntnis, dass die EU keine militärische Bedrohung für Russland darstellt und auch nicht viel von einer wirtschaftlichen; die Tatsache, dass die europäischen Länder allesamt sehr putzig, winzig und liebenswert sind und leckeren Käse und Würste herstellen; die Einsicht, dass ihre gegenwärtige Ausbeute an Staatspolitikern untauglich und Washington verpflichtet ist, und dass sie einen großen Schubs brauchen, um zu erkennen, wo die wahren Interessen ihrer Nationen liegen… Wird die EU dieses Angebot akzeptieren oder wird sie Galicien als neuen Mitgliedsstaat aufnehmen und „ausfrieren“?

benachteiligt Europa beträchtlich dabei, eine Beendigung dieser Krise aushandeln zu können.

Während die Russen vor diesen Ereignissen recht zufrieden damit waren, sich selbst als „nur ein weiteres europäisches Land“ zu betrachten, haben sie sich nun darauf besonnen, dass sie eine eigene Zivilisation mit anderen kulturellen Wurzeln sind (vielmehr byzantinisch als römisch) – eine Ziviliation, die Gegenstand gezielter westlicher Anstrengungen gewesen ist, sie ein- oder zweimal pro Jahrhundert zu zerstören, sei es durch Schweden, Polen, Frankreich, Deutschland oder irgendeine Kombination davon. Das hat den russischen Charakter in einer spezifischen Form geprägt, die möglicherweise zu einem Desaster für Europa und die Welt führen kann, wenn sie nicht adäquat verstanden wird.

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